Die Zeit der Reformation ging auch an der bildenden Kunst nicht spurlos vorbei. Die Umbruchszeit verlangte nach neuen Bildinhalten, die die Ideen Luthers der größtenteils analphabetischen Bevölkerung nahe brachten. Ablasshandel und Heiligenverehrung wurden zunehmend abgelehnt, das Seelenheil kann nach Luther nur durch inneren Glauben erreicht werden. Gemälde sollten Gottes Gnade in den Vordergrund stellen und die Heilsgeschichte bibeltreu wiedergeben. Die Bildung der Menschen war ein wichtiger Zweck dieser neuen Malerei.
Lucas Cranach, ein Freund Luthers, war einer der gefragtesten Maler für Reformatoren, obwohl er weiterhin auch Aufträge von katholischen Arbeitgebern annahm. Ein Schüler Cranachs in dessen Werkstatt in Wittenberg war Hans Kemmer, der später in seiner Heimatstadt Lübeck als Reformations- und Porträtmaler begehrt war. Kemmer geriet nach seinem Tod in Vergessenheit, doch die Forschung hat ihn in den letzten 30 Jahren wiederentdeckt. Von den Kemmer zugeschriebenen Werken werden 22 nun in einer Ausstellung gezeigt. Eine Gegenüberstellung mit ausgewählten Gemälden seiner Vorbilder Cranach, Jacob van Utrecht und Hans von Köln ermöglicht dabei einen tieferen Einblick in die Arbeit des lange vergessenen Malers Kemmer.
Zwar wurde Kemmer nie Hofmaler wie Cranach, doch sein Wirken in diesen für die Frühe Neuzeit einflussreichen Jahren in der Hansestadt Lübeck mit seinen zahlreichen Handelsbeziehungen war bemerkenswert. Das Museum St. Annen, ursprünglich eine Kirche, die selbst im Zuge der Reformation geschlossen wurde, bietet für diese Ausstellung bis zum 06. Februar 2022 den idealen historischen Rahmen. Eine Woche nach der Eröffnung werden am Reformationstag vom Museum öffentliche Führungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten angeboten.