Enkaustik-Künstlerin Sybille Pattscheck im Portrait

Wachs-Gemälde: Die Schönheit der lichtdurchströmten Farbe

Wie kann ein Bild ohne Lichtquelle aus sich selbst heraus leuchten? Sybille Pattschecks Arbeiten geben eine Antwort auf diese Frage. Mit der antiken Technik der Enkaustik, bei der flüssiges Bienenwachs in Kombination mit Pigmenten aufgetragen wird, schafft sie Werke, die zu strahlen scheinen. Im Interview erklärt sie uns wie sie zu dieser spannenden Maltechnik gekommen ist und was ihr daran so gut gefällt.

von Marén Cohen Monroy, 01. October 2022
Sybille_Pattscheck_Atelier
Sybille Pattscheck im Atelier

Sybille Pattschecks sicherer Umgang mit der Enkaustik wird in der überraschend abwechslungsreichen Farbwirkung ihrer Werke sichtbar: mal glühen die Wachsgemälde in warmen Rot-Orangetönen, ein anderes Mal erscheinen sie wie bläulich-grüne Eisblöcke, in denen sich das Sonnenlicht bricht. Diese gläserne Wirkung wird vor Allem durch geblichenes Bienenwachs erreicht – einem Malmittel, das selbst nach der Hinzugabe von Pigmenten transparent erscheinen kann. Durch die Verwendung eines Kastens aus Glas oder Acrylglas als Untergrund scheint die Farbe zu schweben.
Die Künstlerin hat im Laufe ihrer jahrelangen Beschäftigung mit dem Material eine besonders feine Maltechnik entwickelt, bei der sie die Wachsfarbe mit einem breiten Pinsel in mehreren dünnen Schichten aufträgt. Dabei bleibt der Duktus gut sichtbar und die verschiedenen Farben durchleuchten sich – der Untergrund scheint somit durch die leicht unebene Oberfläche hindurch und schafft eine spannende Tiefenwirkung. Die Farbe an den Bildrändern wird etwas dicker aufgetragen, während sie sich zur Mitte hin verdünnt. Dieser Wechsel der Farbtiefe schafft eine Freifläche im Bildmittelpunkt, die eine starke kontemplative Wirkung entfaltet. Bemerkenswert sind auch die farbigen Bildränder von Sibylle Pattschecks Werken: durch den wesentlich dickeren Wachsauftrag an diesen Stellen wird die Vielzahl der Farbschichten erst sichtbar und der oftmals wenig beachtete Bildteil wird zum aktiven Bestandteil ihrer Arbeiten.
Die 1958 geborene Künstlerin lebt und arbeitet in Köln. Sie nahm an zahlreichen internationalen Ausstellungen teil und gewann mehrere Preise, darunter den Kunstpreis der Künstler im Rahmen der Grosse Kunstausstellung Düsseldorf, 2018. Ihre Werke sind in namhaften privaten und öffentlichen Sammlungen wie in den Städten Köln, Bonn, Münster, der Kunstsammlung des Landes NRW, der Sparkasse, Sony Deutschland GmbH und Rhein-Braun AG, Köln, zu finden.
Die Arbeitsumgebung spielt eine wichtige Rolle bei ihrer Farbwahl, wie uns Sybille Pattscheck im Interview erzählt. Die Farbe einer Landschaft, der Blick in den Himmel oder einfach nur aus dem Fenster: all diese Eindrücke beeinflussen die Künstlerin indirekt in ihrer Arbeitsweise.

Kannst Du uns etwas über Deine Malerei erzählen?

In meiner Malerei versuche ich die Intensität und Anmutung einer oder mehrerer Farbtöne im Zusammenklang wahrnehmbar zu machen. Das geschieht durch das Licht, das je nach Tageszeit oder Lichtsituation im Raum immer anders auf einen durchsichtigen Bildkörper und auf helle, lichtdurchlässige Farbschichten trifft. Oft sind die Ränder meiner Bilder mehrfarbig bemalt und wenn das Licht auf diese bemalten Ränder trifft, strahlen sie in die meist einfarbig bemalte Bildfläche hinein und verändern sie. Das Licht malt sozusagen aktiv mit. Die Wahrnehmung des Bildes ist auch unterschiedlich, je nachdem von welcher Seite sich der Betrachtende nähert, von der Seite oder von vorne.
Interessant finde ich, dass der Malprozess für mich im Nachhinein präsent bleibt, der Verlauf des Pinselstrichs bleibt sichtbar, ebenso die Farbmenge, die sich mal dichter, mal offener auf der Bildfläche abbildet. Dabei spielt der Zufall eine große Rolle, denn der Akt des Malens ist von vielen Unwägbarkeiten begleitet.
Das Ergebnis ist meist anders als erwartet, überraschend, manchmal fremd.

Was möchtest Du mit deinen Arbeiten erreichen?

Farbig zu denken, für mich und für diejenigen, die meine Bilder betrachten.
Aber auch Freude beim Betrachten aufgrund der Schönheit und Leuchtkraft der lichtdurchströmten Farbe.

Wie bist Du zur Enkaustik gekommen und was gefällt Dir an dieser Technik?

Enkaustik bedeutet Wachsmalerei und ist eine sehr alte Maltechnik, die schon in der Antike benutzt wurde. Dabei wird Wachs erhitzt und mit Pigmenten oder Ölfarben vermischt. Mich begeistert an der Malerei mit Bienenwachs die besondere Materialität:  der Wachsaufstrich nimmt Raum ein, hat eine gewisse Körperlichkeit, ist lichtdurchlässig, leicht elfenbeinfarbig, hat einen besonderen natürlichen Glanz und duftet. Die Lichtdurchlässigkeit von Wachs bewirkt die große Leuchtkraft der zugefügten Farben, ähnlich wie bei einem Aquarell.
Es gibt einige Künstler und Künstlerinnen, die Wachs als Bindemittel verwenden oder verwendet haben, doch ich bin durch die Arbeit einer Bildhauerin, die Bienenwachs für ihre Modelle benutzte, auf dieses besondere Material aufmerksam geworden und habe es zunächst in kleinen Mengen in meine Ölbilder auf Leinwand eingefügt. Mit der Zeit merke ich, dass dieses Malmittel so eigenständig ist, dass ich es besser pur verwende und es nicht in den Dienst einer abbildenden Malerei stelle.

Sybille_Pattscheck-Farblichtgleich_No1_Enkaustik_2020
Sybille Pattscheck - Farblichtgleiche No 1, Malerei 2020, Enkaustik auf Acrylglas, 67 x 60 x 5 cm

Gibt es Farben oder Farbgruppen, die sich besonders gut für Enkaustik eignen?

Im Prinzip lassen sich alle hitzeverträglichen Pigmente verarbeiten. In meiner Malerei bevorzuge ich jedoch die Farben des Lichtspektrums, also eher reine, leuchtende Farben, ich möchte ja farbige Lichträume schaffen.

Welche Dinge aus Deiner Umwelt beeinflussen Deine Farbwahl?

Meine Farbwahl wird sicherlich indirekt beeinflusst durch die Farben meiner näheren Umgebung, der Landschaft, in der ich lebe mit den jeweiligen Lichtstimmungen dort, der Farben des Himmels, insbesondere die Feinabstufungen der Himmelsfarben von Blau-grau über Rosé, aber auch das, was ich sehe, wenn ich im Atelier aus dem Fenster schaue, die Nuancen der Grüntöne in den Pflanzen. Darüber hinaus spielt aber auch die innere Gestimmtheit mit, hervorgerufen durch Nachrichten, Lektüre, Freunde, Begegnungen.

Zu welcher Tageszeit kannst Du am besten arbeiten?

Am Nachmittag, früher Abend, wenn ich inspiriert bin.

Wie wäre der „ideale“ Ausstellungsraum für Dich?

Der ideale Ausstellungsraum wäre ein heller, lichtdurchfluteter Raum, ohne starke Sonneneinstrahlung, wobei Innenraum und Außenraum in spannungsvoller Beziehung stehen.

Welche Künstlerin oder welcher Künstler gefällt Dir momentan besonders gut?

Das sind die großen reinschwarzen Bilder von Pierre Soulages, der alle Farben im Schwarz vereint fand.  Als Malerin bewundere ich aber auch die konsequent auf die Farbe Weiß reduzierten Gemälde von Robert Ryman. Beide Maler überzeugen mich durch ihre Konsequenz und Sensibilität. Sie bieten dem Betrachter die Gelegenheit „farbig zu denken“.

Sybille-Pattscheck_Farblicht-magenta-grün_2022
Sybille Pattscheck - Farblicht magenta-grün, Enkaustik auf Acrylglas 2022, 115 x 115 x 5 cm

Name: Sybille Pattscheck
Geburtsdatum: 1958
Geburtsort: Wesel
Wohnort: Köln und Pulheim/ Dansweiler
Website: http://www.sybillepattscheck.de
Galerie: Galerie Geissler-Bentler, Bonn

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