9. Colomboscope: Interview mit der Kuratorin Hajra Haider Karrar

Rhythm Alliances und die Erschaffung eines neuen Vokabulars

Im Januar fand zum neunten Mal die Colomboscope statt, das interdisziplinäre Kunstfestival auf Sri Lanka, das alle zwei Jahre Künstler:innen und Kulturschaffenden eine Plattform bietet.

Karla de la Barra war vor Ort und hat sich mit der Kuratorin Hajra Haider Karrar über das Festival unterhalten.

von Karla de la Barra und Marius Damrow, 13. February 2026
Arka Kinari, Arrival at Sail Lanka, Colombo Port, Foto: Isira Sooriyaarachchi
Arka Kinari, Ankunft bei Sail Lanka, Hafen von Colombo, Foto: Isira Sooriyaarachchi

Die 9. Ausgabe des Festivals Colomboscope, Rhythm Alliances 2026, war mit über 100 interdisziplinären Kunstschaffenden und Mitwirkenden an mehreren Orten in Colombo die bislang größte. Nach 15 Monaten der Ausarbeitung der kuratorischen Leitlinien, der Zusammenarbeit mit Künstler:innen, Kulturschaffenden und institutionellen Partnern, präsentierte das Festival mehr als 35 neu in Auftrag gegebene Werke und widmete sich zehn Tage lang dem Rhythmus und seinen interdisziplinären Klanglandschaften, die Erinnerung, Dissens und Erneuerung verkörpern.

Die Ausstellungen und das Programm, das unter anderem Listening Sessions, Performances, Workshops, kuratierte Rundgänge, moderierte Diskussionen, Konzerte und Filmvorführungen umfasste, waren sensibel aufeinander abgestimmt und erzeugten eine eigene Frequenz aus gemeinschaftlicher Erfahrung, Co-Creation und Teilhabe. Rhythm Alliances, ursprünglich als eine Abstimmung der vielfältigen Ausprägungen des Rhythmus konzipiert, wurde zum Fest der Kontraste, das aufging in Dialog und Bündnisbildung.

Am 29. Januar 2026 traf sich Karla de la Barra mit der Kuratorin Hajra Haider Karrar zu einem Gespräch im Goethe-Institut, Sri Lanka (übersetzt aus dem Englischen).

Curator Hajra Haider Karrar, Opening at Colpetty Town House, Foto: Ruvin de Silva
Kuratorin Hajra Haider Karrar, Eröffnung im Colpetty Town House, Foto: Ruvin de Silva

Heute ist der achte Tag des zehntägigen Festivals. Wie fühlen Sie sich?

Fantastisch. Ich bin dankbar, dass jeder Tag neue Energie mit sich bringt und vor allem, dass das gesamte Festival großartig läuft. Als Kuratorin arbeitet man neben Recherche und erworbenem Wissen  auf eine Vision hin, identifiziert und schafft Verbindungen über Zeit und Geografie hinweg, initiiert kritische Gespräche und einen interdisziplinären Dialog. In meiner Praxis und auch gemäß dem Ethos des Festivals konzentriert sich diese Aufgabe stark auf überregionale Verbindungen und resonante Geschichten, die uns in dieser zersplitterten Welt miteinander verbinden. Daher ist es immer ein magisches Erlebnis zu erfahren, wie sich die kollektive Vision manifestiert und in Resonanz erweitert. Hier war dies umso mehr der Fall, da es einige neue Auftragsarbeiten und performative Werke gab, die teilweise von der Beteiligung des Publikums abhängen und sich daher als Reaktion auf die Umgebung und den aktuellen Kontext entfalten.

Es war auch sehr ermutigend zu sehen, wie die Künstler miteinander in Kontakt getreten sind und aufeinander reagiert haben. Die meisten von ihnen begegneten sich zum ersten Mal und haben über ihre künstlerische Praxis schöne Verbindungen zueinander aufgebaut, die inspirierende Gespräche und neue Richtungen ermöglichen.

Das ist ein Erfolg. Was war Ihrer Meinung nach der Schlüssel dazu?

In diese Ausgabe ist viel Vorarbeit geflossen, und zwar nicht nur in Form von Recherchen, Gesprächen und Kooperationen, die in den letzten 15 Monaten stattgefunden haben. Das Festival hat seit seiner Gründung im Jahr 2013 seine eigene Dynamik entwickelt, sein Tempo und Format verändert und an Prestige und einer fokussierten Vision gewonnen, die einem entscheidenden Bedarf im Land gerecht wird. Südasien hat sich seine eigene Nische und Grundlage geschaffen. Zu diesem Rahmen kommen noch die Erfahrungen, das Wissen und die Netzwerke hinzu, die jeder einzelne im Team mitbringt – so wird jeder Aspekt, angefangen bei der kuratorischen Arbeit über die Verwaltung und Logistik bis hin zum Freiwilligenmanagement, sorgfältig berücksichtigt und abgedeckt. Das Team der Colombscope ist recht klein, und es ist keine zufällige oder beiläufige Leistung, das erreicht zu haben, was wir erreicht haben. Dahinter steckt viel harte Arbeit, Engagement und Hingabe für eine Vision, für die wir alle brennen, deren entscheidende Bedeutung wir aber auch im Kontext der Insel und darüber hinaus für die gesamte Region verstehen, die mit politischen Spannungen und Spaltungen konfrontiert ist.

Bei der neunten Ausgabe sind 50 Künstler:innen in der Ausstellung vertreten, in der mehr als 35 neue Auftragsarbeiten gezeigt werden. Jede davon erforderte eine intensive Zusammenarbeit mit den Künstler:innen und jede Position ist sorgfältig abgewogen und bewusst ausgewählt worden. Die gleiche Sorgfalt erforderten auch die vielfältigen Aspekte des Festivalprogramms und der Teilnahme. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich alles zu einem stimmigen Ganzen zusammenfügt. Allerdings gibt es oft Unsicherheiten: man geht davon aus, dass Synergien entstehen, kann aber nicht abschätzen, in welchem Umfang – das gilt für das Team, die Teilnehmer:innen und das Publikum. Ein weiterer entscheidender und prekärer Aspekt ist die Finanzierung, insbesondere wenn man in einem nicht-kommerziellen Umfeld auf nicht-unternehmerische Unterstützung setzt, was angesichts der weltweiten Kürzungen im Kulturbereich extrem schwierig wird. Zu sehen, dass Rhythm Alliances trotz aller Widrigkeiten zustande kommt, ist für mich beruhigend und macht mich zugleich demütig.

Atiyyah Khan, Opening Event, Rio Complex, Foto: Isira Sooriyaarachchi
Atiyyah Khan, Eröffnungsveranstaltung, Rio Complex, Foto: Isira Sooriyaarachchi

Ja, es herrschte eine besondere, sehr einladende Energie. Colomboscope ist ein interdisziplinäres Festival – haben Sie irgendwelche Vorlieben?

Mmm, das ist schwer zu sagen, weil sie alle bevorzugt werden. Wir arbeiten an einer Erweiterung und Neuerfindung des Vokabulars und suchen nach verschiedenen Ausdrucksformen. Selbst in Fällen, in denen man eine ähnliche Materialität erlebt, ist es der Ansatz, der das Ganze einzigartig macht. Unabhängig vom Format und vom Medium geht es darum, was gesagt wird. Es geht um die Effizienz des Mediums, das Wesentliche einzufangen und die Erzählung zu vermitteln, während es gleichzeitig das Erlebnis verbessert und unterstützt.

Sprache und mündliche Überlieferung sind wesentliche Aspekte des Rhythmus, abgesehen von dessen klanglichen und performativen Aspekten. Rhythmus wird hier in Erinnerung gerufen, als Erbe weitergegeben und als Dissens geformt, neu geschaffen für die Gegenwart – es ist eine Schöpfung neuen Vokabulars. Ob durch Partituren, Stickereien oder Zeichnungen – jede Sprachform wird anerkannt und zitiert. Wenn Sie Seher Shahs monografische Werke Woven Nights erleben, werden Sie Zeuge minimalistischer Markierungen, die Partituren schaffen und Geografien der Zugehörigkeit abbilden. Zu Zarina Mohammads Performance mit Masken als Schnittstellen zu Geistern, die Geschichten der Küstenregion nachzeichnen und verbinden und dem Wissen der Vorfahren, der Mythologie und der Umwelt in Observing Omens from Lightening, einem dreiteiligen Projekt, Tribut zollen. Jovita Alvares' Cyanotypien mit Stickereien markieren in Re: cite, member, sist die Abwesenheiten in Familiengeschichten, die auf die größeren Lücken in den offiziellen Archiven der 500-jährigen Kolonialherrschaft über Goa hinweisen, während Tharmapalan Tilaxans Tänzerinnen und Tänzer durch Langzeitbelichtungen in Schwarz-Weiß-Bildern und Leuchtkästen wie Erscheinungen wirken. Echoes of Stillness bezeichnet eine Stille infolge einer gewalttätigen und unterdrückerischen Vergangenheit und Gegenwart im nördlichen Teil der Insel, die Menschen und Land geprägt hat.

Tharmapalan Tilaxan, Serie: Echoes of Stillness, Rio Complex, Foto: Sanjaya Mendis
Tharmapalan Tilaxan, Serie: Echoes of Stillness, Rio Complex, Foto: Sanjaya Mendis

Colomboscope ist ein Geschenk: Sie ist kostenlos und somit für alle zugänglich. Gibt es etwas, das Sie aus dieser Erfahrung für zukünftige Ausgaben mitnehmen?

Veranstaltungen und Initiativen mit freiem Zugang ins Leben zu rufen ist eine politische Position mit dem Ziel, Kultur und Kunst so inklusiv wie möglich zu gestalten – insbesondere angesichts der Klassendynamik und des exklusiven Charakters des Kultursektors. Dies ist ein wichtiger Bestandteil der Festivalphilosophie.

Ich bin Kuratorin bei SAVVY Contemporary, Laboratory of Form-Ideas in Berlin, und dies ist ein wesentlicher Grundsatz unserer Philosophie. Wir glauben an radikale Gastfreundschaft und Geselligkeit, und unsere Räumlichkeiten und Veranstaltungen sind für alle offen und kostenlos zugänglich. Als ich eingeladen wurde, die neunte Ausgabe von Colomboscope zu kuratieren, machten diese übereinstimmenden Faktoren diesen Austausch für mich zu einem besonderen Ereignis und zeigten mir, wie wir in diesem gemeinsamen Geist über geografische Grenzen hinweg zusammenkommen können.

Man kann gut verfolgen, wie sich das Festival aus dem Nichts heraus etabliert hat – indem es genau auf den Puls der Insel hört und mit Künstler:innen aus dem ganzen Land zusammenarbeitet, vor allem aus dem Norden und Osten der Insel, was in der Hauptstadt bisher eher selten war. Jede Ausgabe baut auf den initiierten Gesprächen auf, erweitert und vertieft den Diskurs und verbindet ihn mit einem internationalen Umfeld. Ebenso gewinnt das Festival im Land an Popularität und Bekanntheit. Dieses Mal haben wir die bisher höchsten Besucherzahlen verzeichnet, mit mehr als 700 Zuschauern bei den Aufführungen von Arka Kinari und Matri-Anarchy: Stomping Sisters. Also: Ja, es ist nicht selbstverständlich, dass das Festival aufgrund seines Umfangs, seiner Ausdehnung und seiner prekären Finanzierungslage erneut kostenlos ist. Es ist außerdem eine Plattform für Mentoring, die sich mit den vielfältigen Schichten und Geschichten der Stadt, den komplexen Geschichten der Insel und auch mit transnationaler Solidarität auseinandersetzt.

Im Moment genieße ich einfach den Augenblick und nehme alles in mich auf. Natürlich gibt es im Nachhinein viel zu verarbeiten und zu reflektieren. Was mir jedoch besonders auffällt, ist die Großzügigkeit der Menschen, die Natur und die Elemente, die ich auf der Insel erlebt und gesehen habe. Und Vertrauen – ein für die meisten Menschen in einer hyperkapitalistischen und gespaltenen Welt sehr schwieriges Terrain. Wie Sie gesehen haben, ist es ein sehr kleines Team, das dieses Festival auf die Beine gestellt und durchgehend organisiert hat. Ich komme aus Pakistan, und Südasien ist ein so umkämpftes Gebiet mit politischen Spannungen, dass diejenigen, die in der Nähe leben, am schwersten zu erreichen sind. Für mich war es von unschätzbarem Wert, dass sich die Region in Sri Lanka versammeln und über alle Grenzen hinweg zusammenarbeiten konnte.

Visitors in front of Vivian Caccuri’s Chahal Altar, Radicle Gallery, Foto: Sanyaja Mendis
Besucher vor Vivian Caccuris Chahal Altar, Radicle Gallery, Foto: Sanyaja Mendis

Möchten Sie noch etwas hinzufügen?

Wir erleben derzeit tiefgreifende politische Veränderungen in der Weltordnung, die gravierende Auswirkungen haben und die Grundlagen des Kulturbetriebs erschüttern. Ich halte es für entscheidend, dass wir uns auf lokale Basisinitiativen wie Colomboscope und ähnliche Projekte im globalen Süden konzentrieren, die eine ähnliche Grundhaltung vertreten, ihnen aufmerksam zuhören und ihre Arbeit unterstützen. Inmitten einer Politik der Spaltung ist es für unsere soziale und kulturelle Zukunft entscheidend, Menschen zusammenzubringen, transregionale Netzwerke zu stärken und Wege zu finden, um trotz dieser Schwierigkeiten weiter zusammenzuarbeiten.

Vielen Dank und herzlichen Glückwunsch!

Vielen Dank!Art.Salon

Visitors at Soul Studio by Palinda Kannagara Architects, Foto: Tharmapalan Tilaxan
Besucher im Soul Studio von Palinda Kannagara Architects, Foto: Tharmapalan Tilaxan

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