Louise Bourgeois: »Maman«

Liebendes Raubtier Spinne: Bourgeois’ großer Triumph

1999 erhielt Louise Bourgeois auf der Biennale von Venedig den Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk – dabei hatte sie ihr berühmtestes Werk noch gar nicht geschaffen. Ein ganzes Jahrzehnt widmete sie sich der Erforschung der Mutterfigur, die Arbeit gipfelte in der monumentalen Spinnenskulptur Maman. Diese und ihre sechs Abgüsse faszinieren Betrachtende weltweit.

von Marius Meyer, 26. August 2022

Louise Bourgeois ist eine außergewöhnliche Künstlerin, unter anderem,  weil sie ihre bahnbrechenden Werke zu einem Zeitpunkt in ihrem Leben schuf, an dem andere sich normalerweise in eine Art Ruhestand zurückziehen. 1999 erhielt Bourgeois auf der Biennale von Venedig den Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk – und übertraf sich im Jahr darauf gleich selbst: Mit Ende 80 fertigte sie die monumentale Spinnenskulptur Maman aus rostfreiem Stahl, die 2000 zum ersten Mal in der Turbine Hall des Tate Modern zu sehen war. Das neun Meter hohe Kunstwerk und seine sechs Bronzeabgüsse mehrten Bourgeois‘ Ruhm, faszinieren Betrachtende bis heute und änderten bei einigen gar die Sichtweise auf die eher unbeliebten Arachnoiden.

Ein besonderes Symbol

Die Mutter mit einer Spinne zu vergleichen irritiert bis heute– vermutlich ein Grund, warum Louise Bourgeois‘ Spinnenskulpturen auch über 20 Jahre nach ihrer Entstehung noch großes Interesse wecken. Schon 1947 bahnte sich das Motiv über eine kleine Zeichnung seinen Weg in ihr Œuvre. Zum Thema großer Skulpturen wurde es aber erst in den 1990ern, in denen es auch die Allgemeinheit erreichte. Bourgeois (1911-2010) arbeitete schon als Kind im Familienbetrieb, der antike Teppiche und Stoffe restaurierte. Ihre Mutter Josephine Fauriaux war Weberin.

Dass Bourgeois die Spinnensymbolik verwendete, hat noch tieferliegende Gründe: Fauriaux‘ Charakter beschreibt die Künstlerin als schlau, freundlich, hilfsbereit, beschützend – so wie Spinnen den Menschen vor Mücken »beschützen«, die es im Landhaus der Familie zuhauf gab. Künstlerisch verkörpern die Mücken aber Bourgeois‘ Vater, der seine Tochter auf grausame Weise erniedrigte. Zehn Jahre lang hatte er zudem eine Affäre mit der Erzieherin, die mit im Haus wohnte. Fauriaux nahm dies stillschweigend hin und offenbarte damit eine weitere Parallele zur geduldig lauernden Spinne. »Die listige Spinne, die sich versteckt und wartet, ist wunderbar zu beobachten«, erklärt Bourgeois ihre Faszination.

Louise Bourgeois, Maman
gemeinfrei
Louise Bourgeois' Maman, vor der National Gallery of Canada.

Kunst ist für sie eine Therapie, das Publikum interessiert sie nicht. Nach dem Tod ihrer Mutter 1932 und einem misslungenen Suizidversuch einige Tage darauf wechselte Bourgeois ihr Studienfach von der Mathematik zur Kunst. Seither hilft ihr die Arbeit dabei, durch den Tag zu kommen, ohne sich selbst oder jemand anderem etwas anzutun. Das bestätigte auch ihr Assistent, der sie 20 Jahre lang kannte.

Ausdruck von Gewalt findet sich in zahlreichen Kunstwerken Bourgeois‘ wieder, auch in dem Versuch, komplizierte Mutter-Tochter-Beziehungen darzustellen: »Ich habe ihr den Kopf abgeschnitten. Ich habe ihr die Kehle durchgeschnitten. Trotzdem erwarte ich, dass sie mich mag«, beschreibt Bourgeois ihre Skulptur The She-Fox (1985) aus schwarzem Marmor und Stahl. Ein weiteres schlaues Raubtier wird mit Fauriaux in Verbindung gebracht, die Bourgeois auch als besitzergreifend bezeichnete. Der Fuchs steht für ihre Mutter, enthauptet und mit aufgeschlitzter Kehle. Die kleine weibliche Figur, die neben dem Fuchs kauert, sei sie selbst. Als Therapie diente der Künstlerin eher das Spinnensymbol, weshalb sie sich in den folgenden Jahren vielfach damit auseinandersetzte.

Spinnenskulpturen in den 1990ern

Louise Bourgeois

Spider Iv

Found at Sothebys, New York
Contemporary Art Evening Auction, Lot 34
16. Nov - 16. Nov 2017
Estimate: 10.000.000 - 15.000.000 USD
Price realised: 14.679.200 USD
Details

1994 entstand die erste Skulptur Spider von Bourgeois, der zahlreiche Spinnenzeichnungen vorausgegangen waren. Geometrische Formen bestimmten die Arbeit, die fast drei Meter hoch ist. Der Körper der Spinne besteht zum Großteil aus einem Käfig, in dem sich ein weißes Marmor-Ei befindet. Die Folgewerke Spider II bis Spider V (1995-1999) sind organischer, kleiner und zum Teil naturalistischer, ohne die heute so bekannten Eier, die hinter dem Metallnetz unerreichbar bleiben. Die Spinnen erhalten Körper und Köpfe nach ihren Vorbildern aus der Natur, sogar das Verhalten wird imitiert: Spider IV, etwa eineinhalb Meter lang, wird wie eine echte Spinne an der Wand angebracht.

Bourgeois experimentierte auch innerhalb ihrer Werkreihe Cells mit der Spinne: Spider (Cell) von 1997 zeichnet sich durch besonders lange, dünne Beine aus, mit denen das Tier einen Stahlkäfig umschließt. Betrachtende sollen sich in den Käfig begeben, auf dem Stuhl Platz nehmen und den mütterlichen Schutz spüren. Diese Arbeit bedeutete einen entscheidenden Schritt zur Entwicklung der Skulptur, die Bourgeois‘ Aussage nahezu aufdringlich verbildlicht und sich auch im Titel von anderen Spinnen unterscheidet: Maman.

Louise Bourgeois

Spider V

Found at Christies, New York
21st Century Evening Sale, Lot 15 A
11. May - 11. May 2021
Estimate: 4.000.000 - 6.000.000 USD
Price realised: 5.550.000 USD
Details

Das Hauptwerk: Maman

Das berühmte Werk von Bourgeois ist eine der größten Skulpturen der Welt. In der haushohen Spinne verarbeitet die Künstlerin die architektonischen Aspekte ihrer Cells – mit dem Effekt, dass man sich wie ein Kind fühlt, wenn man unter oder neben der Skulptur steht und zur Mutter aufsieht. Bourgeois schuf mit dieser Spinne ein universelles Symbol für die Mutter, zwar inspiriert von ihrer eigenen Kindheit, allerdings ohne den persönlichen Bezug aus The She-Fox, in der Bourgeois sich auch selbst darstellt. Das Original Maman befindet sich in London, die Bronzeabgüsse sind weltweit verteilt auf die USA, Spanien, Katar, Südkorea, Japan und Russland.

Von besonderer Bedeutung ist die die Fähigkeit der Mutter, sich selbst und ihre Kinder zu schützen. Im Gegensatz zu anderen Spinnenskulpturen, die Eier in ihrem Metallkäfig tragen, weist der von Maman eine große Delle auf einer Seite auf. Ein Umstand, der in den meisten Interpretationen außer Acht gelassen wird. Die 17 weißen und grauen Marmoreier wurden gezielt attackiert, doch die Mutter konnte sie verteidigen. Sie trägt nun die Schäden davon. Durch dieses Narrativ verbindet Bourgeois Maman mit dem She-Fox: Eine Mutterschaft ist unmöglich ohne auf irgendeine Art verletzt zu werden.

Selbst Mutter von drei Söhnen, von denen einer vor ihr verstarb, und aufgewachsen als eine von drei (ungewollten) Töchtern kennt Bourgeois die Extreme der Mutter-Kind-Beziehungen von beiden Seiten. Doch sie wählte nicht nur zufällig die Spinne als Symbol, mit dem sie zugleich ehrt, wie viel Leid Mütter erdulden: »Wenn man in ein Spinnennetz schlägt, wird die Spinne nicht wütend. Sie webt weiter und repariert es.«

Chimären als Heilung?

Louise Bourgeois

Spider Woman

Found at Phillips, New York Auctions
Evening & Day Editions, Lot 187
21. Apr - 21. Apr 2015
Estimate: 6.000 - 9.000 USD
Price realised: 9.375 USD
Details

In den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts fokussierte Bourgeois einen anderen Aspekt des Mutterdaseins: den Schmerz und seine mögliche Überwindung. Die neuen Spinnenzeichnungen entfernen sich deutlich von den Untersuchungen aus den 1990ern und verbinden Spinnenbeine mit menschlichen Körpern und Gesichtern. Auch hieraus entwickelte Bourgeois Skulpturen wie Spider (2003). Eine nur knapp 25 cm hohe Skulptur, die aus einer weiblichen Stoffpuppe mit acht Spinnenbeinen aus Stahl besteht. Bourgeois greift damit ihre Kunstwerke aus Stoff auf, die seit vielen Jahren ihr Œuvre bereichern. Für die Künstlerin bedeuteten die Stoffpuppen Rache für die Mutter an ihrem Vater. Mit übergroßen Nadeln fertigte Bourgeois groteske Puppen, die Mühsal, Fleiß und Schmerz verbildlichen. Hier nun in der kleinen Skulptur von 2003 wird die Puppe getragen von kräftigen Spinnenbeinen, die ihr Halt geben und ihre kämpferische Seite hervorheben.

»Der Sinn der Bildhauerei ist Selbsterkenntnis«, erläuterte Bourgeois einmal ihre Kunst. Ist die Erkenntnis nach ihren großen Erfolgen nun, dass sie einen Weg gefunden hat, das Leid zu überwinden?Art.Salon

Eine der Chimärenskulpturen

Louise Bourgeois

Spider

Found at Christies, Paris
Art d'Après-Guerre et Contemporain, Lot 20
28. May - 28. May 2008
Estimate: 1.800.000 - 2.500.000 EUR
Price realised: 2.888.250 EUR
Details

Dive deeper into the art world

Louise Bourgeois‘ Frühwerk

Louise Bourgeois ist eine der berühmtesten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Besonders ihre großformatigen Spinnen-Plastiken bringt man mit ihr in Verbindung. Die frühen Arbeiten der Künstlerin stellen aber vor allem Zeichnungen dar. Diese waren für Bourgeois psychologisch und künstlerisch essentiell, weshalb sie sie bis an ihr Lebensende täglich zeichnete.

von Marius Meyer, 26. July 2022
Gespräch mit Verónica Lehner

Verónica Lehner bringt wortwörtlich die Farbe in den Raum. Indem Sie Skulpturen aus Farbe schafft, bewegt sie sich zwischen den Medien Malerei und Bildhauerei. Im Interview mit Art.Salon spricht die Künstlerin über die Raumwirkung von Farbe und warum zufällig gefundene Gegenstände eine ideale Basis für ein Kunstwerk darstellen.

von Marén Cohen Monroy, 10. August 2022