Im Fokus: Louise Bourgeois

Louise Bourgeois: ihr langer Weg nach oben

1911 in Paris kommt ein Mädchen zur Welt, das fast 100 Jahre alt werden sollte. 2010, am Ende ihres Lebens, steht sie dort, wo viele hinwollen: an der Spitze der Kunstwelt. Louise Bourgeois setzte sich durch, mit Spinnen und Phalli, Performance und Installationen – und ihrer »unbeugsamen« Art.

von Bettina Röhl, 05. August 2022

Die »Unbeugsame«

Die gigantische Spinne vor dem Guggenheim Museum in Bilbao, deren acht feingliedrige Beine wie die Äste einer Trauerweide aus neun Metern Höhe von dem länglichen Bronzekörper herabhängen, ist so etwas wie ein Markenzeichen. Für das Museum und die Künstlerin. Vielleicht veranlasst sie sogar zu dem ein oder anderen Besuch. Die Urheberin: Louise Bourgeois, Jahrgang 1911. Die Kunstszene assoziiert sie vor allem mit ihrer Riesenspinne Maman (1999) und sortiert sie als Geschichtsschreiberin der Installationskunst ein. Die riesige Bronze-Spinnen-Skulptur, für die sie heute so bekannt ist, entspringt erst ihrem Spätwerk. Textile Arbeiten, Performance, Gemälde und insbesondere ihre Cells komplettieren ihr ungewöhnliches, stark fluktuierendes Schaffen.

Louise Bourgeois

Spider V

Found at Christies, New York
21st Century Evening Sale, Lot 15 A
11. May - 11. May 2021
Estimate: 4.000.000 - 6.000.000 USD
Price realised: 5.550.000 USD
Details

Als Bourgeois kurz vor dem Ersten Weltkrieg in Paris geboren wird, sind die Bildungschancen für junge Frauen in Europa noch ganz anders verteilt als heute. Im jungen 20. Jahrhundert beginnt der soziale Feminismus gerade erst damit, erste Erfolge zu erzielen. In den 1930er Jahren verschwinden manche radikale Strömungen auch wieder. Das Frauenwahlrecht wird in Frankreich erst 1944 eingeführt. Bourgeois studiert in dieser Zeit erst Mathematik und Philosophie an der Sorbonne Université und, als ihre Mutter 1932 stirbt, auch noch Kunst: Zwischen 1934 und 1938 ist sie an verschiedenen Kunsthochschulen wie der Ecole des Beaux-Arts oder der Academie Ranson eingeschrieben. Ihr Weg führte sie zeitgemäß hin zum Surrealismus. Bis zu ihrem Tod im Jahr 2010 vergehen dann noch einmal mehr als 70 Jahre. In ihrem fast hundertjährigen Dasein hat sie es irgendwie geschafft, sich in der Männerdomäne durchzusetzen. Das männliche wie das weibliche Geschlecht zählen später zu ihren Lieblingsthemen. Ihre Kunst gilt heute noch als einzigartig, innovativ, »unbeugsam«, wie Autorin Alexandra Matzner sie auf der Plattform artinwords.de beschreibt.

Der offene Brief

Als Bourgeois Mitte dreißig ist, ist der Zweite Weltkrieg zu Ende. In die USA siedelt sie zwar schon 1938 über, kehrt 1940 aber kurz nach Frankreich zurück, um ihren ersten Sohn, Michel, zu adoptieren. Im selben Jahr kommt ihr leiblicher Sohn Jean-Louis, 1941 ihr dritter Sohn Alain zur Welt. Ihre Wahlheimat bleiben schließlich die USA, 1951 nimmt sie sogar die US-amerikanische Staatsbürgerschaft an. 

Louise Bourgeois

Ear

Found at Phillips, New York Auction
Editions & Works on Paper, Lot 201
23. Jul - 24. Jul 2020
Estimate: 4.000 - 6.000 USD
Price realised: 12.500 USD
Details

Die US-amerikanische Kunstszene kannte sie um diesen Zeitpunkt herum bereits: Adolph Gottlieb und Barnett Newman, zwei New Yorker Maler des Abstrakten Expressionismus, fragten sie 1950 an, einen offenen Brief an das Metropolitan Museum of Art mit zu unterzeichnen. Darin ging es um den Boykott tradierter »Machenschaften«, die aus einer stillschweigenden Vereinbarung zwischen dem Whitney Museum of American Art und dem Met Museum hervorgingen. 1943 hatten sich die beiden Ausstellungshäuser darauf geeinigt, ihre Sammlung, zwar mit jeweils eigenem Fokus, aber dennoch gemeinsam fortzuführen. Vor allem Juliana Force, die Direktorin des Whitney, hegte früh Bedenken an dieser Koalition, sodass die Whitney Trustees die Zusammenarbeit bald auflösten – ihnen war die die Met-Präsentation moderner Kunstströmungen, ihrem eigenen Schwerpunkt, ein Dorn im Auge. 

Das Metropolitan Museum schlug einen anderen Weg ein: 1949 gründeten es eine eigene Abteilung für amerikanische Kunst, die zuvor das Whitney Museum gesammelt hatte. Im Juli 1949 zog es Roland J. McKinney, ehemaliger Direktor des Baltimore Museum of Art und des Los Angeles County Museum of Art, als Berater hinzu. Auf seinen Rat hin beschloss das Met, eine Reihe offener nationaler Wettbewerbsausstellungen mit fünf regionalen Jurys zu veranstalten. Die erste dieser Ausstellungen, American Painting Today - 1950, kündigte man am 1. Januar 1950 im Rahmen einer Grundsatzerklärung an. Der offene Brief, die Petition der Gruppe um Adolph Gottlieb, wollte diesen Wettbewerbsdruck verhindern und sprach sich vornehmlich gegen die Zusammensetzung der Jury aus. Nachdem der Brief von 18 advanced Artists of America und zehn Sculptors unterzeichnet war, nahm die Times diese Info dankbar zur Medienberichterstattung an. Der Grund dafür: das typische Sommerloch. Die Zeitschrift Life publizierte die Geschichte daraufhin inklusive Gruppenfoto aller Teilnehmenden – die Medien labelten die Gruppe als The Irascibles (dt: die Aufbrausenden, die Cholerischen). Der öffentliche Auftritt machte die Gruppe bekannt und verbreitete den Begriff des Abstrakten Expressionismus – er etablierte sie als sogenannte erstgenannte Generation der Bewegung. Bourgeois war bei dem mittlerweile als ikonisch geltenden Foto zur Story nicht zugegen. 

Wie ist Lousie Bourgeois berühmt geworden?

Es heißt, dass der Brief ihren Bekanntheitsgrad beeinflusst habe. Allerdings musste sie schon damals der rebellischeren Kunstfraktion angehört – und im Kunstzentrum New York bereits einen Namen gehabt haben: Barnett und Gottlieb wussten offenkundig, dass sie bei ihr reelle Chancen auf Unterstützung hatten. Bis zur internationalen Anerkennung ihrer ungewöhnlichen Kunst sollte es aber noch ein bisschen dauern. 

Am Puls der Zeit

Louise Bourgeois wird in dieser Zeit, zu Beginn der 1950er, da ist sie um die 40, als »Sculptor« aufgeführt, obwohl eigentlich zuerst ihre Zeichnungen im Fokus standen: 12 davon sind 1945 Gegenstand ihrer ersten Einzelschau in der Bertha Schaefer Gallery in New York. 1950, im selben Jahr, in dem sie als Skulpteurin eine Petition unterschreibt, stellt sie erstmals als Bildhauerin aus. Erst 1979 sind ihre in der Zeit von 1941 bis 1953 geschaffenen Skulpturen aber im öffentlichen Raum zu sehen. 1980, dreißig Jahre nach ihrer ersten Bildhauerausstellung, kauft sie sich ein Atelier in Brooklyn, in dem sie erstmals Arbeiten in ausschweifenden Dimensionen kreiert. 

Louise Bourgeois

Le Trani Episode

Found at Christies, London (Online Auction)
Dialogues: Modern and Contemporary Art, Lot 74
26.Jun - 14.Jul.2020
Estimate: 150.000 - 200.000 GBP
Price realised: 187.500 GBP
Details

 

In den 70er Jahren beginnt sie damit, ihre Kunst durch Perfomance zu ergänzen. Mit A Banquet/A Fashion Show of Body Parts (1978) befindet sie sich am Puls der Zeit, trifft den Nerv des neuen Pluralismus und des weit verbreiteten Feminismus. Kunsthistoriker und Studenten tragen bei der Perfomance-Show weiße Tücher mit aufgenähten, dreidimensionalen Formen, die an Brüste erinnern, und präsentieren sie auf einem Catwalk. Mit ihrer Zuneigung zu »pikanten« Themen zieht Bourgeois gern die Aufmerksamkeit auf sich. Das wohl berühmteste Beispiel: Das Schwarzweißfoto der höhnisch grinsenden 70-Jährigen Künstlerin mit Riesenphallus, eine ihrer Skulpturen, unter dem Arm. Es entsteht durch einen ebenso berühmten Fotografen: Robert Mapplethorpe. Für eine Frau in diesem Alter ein eher ungewöhnlicher Anblick. Die Fotografie soll sowohl wegen des Motivs als auch wegen des Urhebers große Wellen geschlagen haben und die Bourgeois so noch bekannter gemacht haben. 

Louise Bourgeois

Pink Days

Found at Bonhams, New York
Modern & Contemporary Prints & Multiples, Lot 51
5. Jun - 5. Jun 2020
Estimate: -1 - -1 USD
Price realised: 6.325 USD
Details
Wann ist Louise Bourgeois international bekannt geworden?

In den USA gilt sie zu diesem Zeitpunkt als Star. Sie ist so wichtig, dass ihr das Museum of Modern Art in New York 1983, als sie 72 Jahre alt ist, ihre erste große Werkschau widmet. International erzielt sie aber erst später große Erfolge. 1992 mischt sie als Künstlerin an der documenta IX in Kassel mit, 1993 vertritt sie die Vereinigten Staaten auf der Biennale in Venedig. Von da an nimmt die Geschichte ihren Lauf: 1996 eine große Retrospektive in den Hamburger Deichtorhallen, im Frühjahr 1999 die Einzelausstellung Spinnen, Einzelgänger, Paare in der Kunsthalle Bielefeld. Ihre Werke sind unter anderem Teil der Melbourne International Biennial 1999, der Documenta 11 (2002) sowie von Ausstellungen in Berlin (Akademie der Künste, 2003), Dublin (Irish Museum of Modern Art, 2003/04), Augsburg (Neue Galerie im Höhmannhaus, 2005), der Kunsthalle Bielefeld (2006), der Kunsthalle Wien (2006) und dem Philadelphia Museum of Art. Nur wenige Jahre vor ihrem Tod ist sie auch auf dem europäischen Kunstmarkt eine äußerst gefragte Person. Im Jahr, bevor sie stirbt, begleitet sie sogar noch ihre letzte Ausstellung in der Sammlung Scharf-Gerstenberg (Nationalgalerie) in Berlin, Double Sexus. Bellmer – Bourgeois (24. April bis 25. August 2010).

Louise Bourgeois

Hands

Found at Phillips, New York Auction
Editions & Works on Paper, Lot 202
23. Jul - 24. Jul 2020
Estimate: 2.500 - 3.500 USD
Price realised: 7.500 USD
Details

Posthum geht es mit ihrem Ruhm noch einmal so richtig bergauf: 2011 und 2012 stellt die Fondation Beyeler in Riehen ihre Arbeiten anlässlich ihres 100. Geburtstages in À L’Infini aus und reichte sie anschließend an die Kunsthalle Hamburg weiter. 2015/2016 wandern 32 ihrer Cells vom Münchner Haus der Kunst über Moskau (Garage Museum of Contemporary Art) und Bilbao (Guggenheim) nach Humlebæk in Dänemark (Louisiana Museum of Modern Art). Erst in diesem Jahr ist die Ausstellung the Woven Child zuerst im Southbank Centre London (9. Februar bis 15. Mai 2022) und schließlich im Gropius Bau Berlin (22. Juli bis 23. Oktober 2022) zu sehen. Fast zeitgleich lässt das Kunstmuseum Basel (19. Februar bis 15. Mai 2022) Bourgeois in Louise Bourgeois x Jenny Holzer. The Violence of Handwriting Across a Page auf eine zeitgenössische Künstlerin treffen. Währenddessen präsentiert das Met Museum ihre Gemälde. Der Schweizer Galerie-Konzern Hauser & Wirth versteigert eine ihrer Spider-Plastiken versteigert im Mai dieses Jahres für rund 40 Millionen US-Dollar. Zur absoluten internationalen Top-Künstlerin avancierte Bourgeois, wie so viele, also erst kurz vor und nach ihrem Tod. Art.Salon

Dive deeper into the art world

Louise Bourgeois‘ Frühwerk

Louise Bourgeois ist eine der berühmtesten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Besonders ihre großformatigen Spinnen-Plastiken bringt man mit ihr in Verbindung. Die frühen Arbeiten der Künstlerin stellen aber vor allem Zeichnungen dar. Diese waren für Bourgeois psychologisch und künstlerisch essentiell, weshalb sie sie bis an ihr Lebensende täglich zeichnete.

von Marius Meyer, 26. July 2022
Louise Bourgeois: »Maman«

1999 erhielt Louise Bourgeois auf der Biennale von Venedig den Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk – dabei hatte sie ihr berühmtestes Werk noch gar nicht geschaffen. Ein ganzes Jahrzehnt widmete sie sich der Erforschung der Mutterfigur, die Arbeit gipfelte in der monumentalen Spinnenskulptur Maman. Diese und ihre sechs Abgüsse faszinieren Betrachtende weltweit.

von Marius Meyer, 26. August 2022