Liste Art Fair Basel mit neuem Rechercheforum

Die neue Liste Expedition ist Index und virtueller Ausstellungsraum zugleich

Seit wenigen Wochen ist ein neues Rechercheforum der Liste verfügbar: Liste Expedition. Die kostenfreie Plattform dient als Künstlerinnen-und-Künstler-Index der digitalen Messen Liste Showtime 2020 und 2021. In den kommenden Jahren wird es stetig erweitert. Zugleich werden gemeinsam mit dem Spike Art Magazine monatlich neue Essays zu einzelnen Kunstwerken veröffentlicht und wöchentlich wechselnde Webausstellungen angeboten.

von Marius Meyer, 12. January 2022

In den letzten zwei Jahren fanden Kunstmessen zumeist als Hybrid aus virtueller und physischer Messe oder rein digital statt. Der Verein Joinery und die Liste präsentieren nun ein Projekt, das virtuelle Messen ergänzt und weiterentwickelt: Liste Expedition ist eine umfangreiche Plattform, die Index und Ausstellungsraum zugleich verkörpert. Seit Dezember 2021 kann die kostenfreie Seite besucht werden. Etwa 200 Künstlerinnen und Künstler, die seit 2020 auf Liste Showtime, der digitalen Ausgabe der Liste Art Fair, ausgestellt wurden, sind dort bisher verzeichnet und es kommen jährlich neue hinzu. So entsteht ein Archiv mit den wichtigsten Positionen der zeitgenössischen Kunst, welches hier verfügbar ist.

Liste Expedition bietet außerdem die Möglichkeit, sich mit anderen Nutzerinnen und Nutzern über Kunstwerke auszutauschen, dank der Funktion My Expedition eine Art eigene Favoritensammlung anzulegen und monatlich neue Essays zu lesen, die sich intensiv mit einzelnen Kunstwerken befassen. Zudem werden wöchentlich neue Webausstellungen präsentiert, die sich künstlerisch und experimentell mit Sound auseinandersetzen.

Wir haben mit Joanna Kamm, Direktorin der Liste Art Fair Basel, über die neue Plattform gesprochen:

Frau Kamm, mit dem neuen Rechercheforum betritt die Liste Neuland. Welche Ziele möchten Sie damit erreichen?

JK: Seit 26 Jahren gibt die Liste einmal im Jahr einen ausgewählten Überblick über die neuesten Entwicklungen und Tendenzen der zeitgenössischen, internationalen Kunst. Die präsentierten künstlerischen Arbeiten des globalen Kunstdiskurses gestalten nicht nur unsere Gegenwart, sondern stellen diese mit her – und genau diesen künstlerischen Positionen soll mit Liste Expedition eine permanente Plattform gegeben, die über eine temporäre Messepräsenz hinaus geht.

Liste Expedition fördert damit das Entdecken und Erkunden junger Künstler*innen innerhalb der zeitgenössischen Kunstdebatte, mit dem Ziel, diese Informationen einem nationalen als auch internationalem Publikum unabhängig von Ort und Zeit zur Verfügung zu stellen, zu vermitteln und zu sichern. Langfristig gesehen bietet Liste Expedition Online neben dezidierten Informationen zu Künstler*innen damit auch einen historischen Überblick über künstlerische Entwicklungen und dokumentiert die Veränderungen in der Zeit.

 

Die Seite ist ja zum Teil sehr umfangreich. Woher kommen die Inhalte, die dort präsentiert werden?

JK: Das Kernstück von Liste Expedition ist der »Artist Index«, der eine Übersicht aller Künstler*innen ist, die seit 2020 an der Liste Art Fair Basel und/oder an der Online-Messe Liste Showtime teilgenommen haben. Er wird mit allen zukünftigen Messeeditionen weiterwachsen. Das Prinzip ist einfach: auf Liste Showtime stellen die Austeller*innen eine*n Künstler*in mit Abbildungen, Interviews, Texten, Videos und vielen weiteren Medien vor, wie es nur digital möglich ist. Indem sie ihre Seite selbst gestalten, entscheiden sie, wie die künstlerische Praxis und die neuesten Arbeiten der ausgewählten Künstler*innen bestmöglich im virtuellen Raum erlebbar werden. Diese Beiträge werden nach der Messe auf Liste Expedition übertragen und somit den Kunstinteressierten dauerhaft zur Verfügung gestellt. 

Für die »Monthly Picks«, eine Kooperation mit Spike Art Magazine, werden wiederum internationale Autor*innen eingeladen, sich eine künstlerische Position herauszugreifen und vertieft über diese Arbeit zu schreiben. Monatlich erscheint ein neuer Monthly Pick, der ebenfalls dauerhaft zur Verfügung steht. Liste Expedition ist das Gegenteil von den kurzfristigen, temporären Messeformaten, dort kann man sich Zeit lassen, tiefer eintauchen und die Monthly Picks fördern dies zusätzlich.

Ist es irgendwann möglich, dass Besucher direkt über das Forum Kunstwerke erwerben können?

JK: Dies ist bei Liste Expedition im Gegensatz zu Liste Art Fair Basel und Liste Showtime nicht möglich. Es ist ein nicht-kommerzielles Rechercheforum, das Information zur Verfügung stellt und von dem Verein Joinery realisiert wurde.

Das neue Rechercheforum ist angelegt als Archiv für zeitgenössische Kunst und wächst im Laufe der Zeit mit den Künstlerinnen und Künstlern, die auf der Messe vertreten sein werden. Ist denkbar, dass das Forum noch eigenständiger wird und sich losgelöst von der Messe zu einem umfassenden Archiv entwickelt?

JK: Bei jedem Archiv ist ein entscheidendes Kriterium, unter welchem Aspekt das Archivierte ausgewählt wurde. Die jährliche Auswahl, die von den Galerien vorgenommen wird, die auf Liste Art Fair Basel und Liste Showtime ausstellen, garantiert eine hohe Qualität. Es wird jedes Jahr aufs Neue die ganz aktuelle Gegenwart aktiviert, indem die Galerien die neuesten Stimmen in der zeitgenössischen Kunst präsentieren. Das ist etwas Besonderes und uns geht es genau darum, diese Auswahl an herausragenden Künstler*innen einer jüngeren Generation permanent sichtbar zu machen. Eine Loslösung von der Messe würde dem Widersprechen und zum jetzigen Zeitpunkt keinen Sinn ergeben. Da wir in den letzten zwei Jahren allerdings gelernt haben, dass sich Vieles in kurzer Zeit verändern kann, würde ich Nichts für immer ausschließen. Geplant ist es aber nicht.

Das Forum ist zugleich mit den Bereichen My Expedition und Pool Social-Media-artig aufgebaut, sodass Nutzer sich ganzjährig über die Kunstwerke austauschen können. Was hat Sie dazu bewogen, sich für diesen Weg zu entscheiden?

JK: My Expedition dient zur privaten Speicherung der individuellen Recherche von künstlerischen Arbeiten, Texten, Videos und vielem mehr. Dies ist insbesondere für ein Fachpublikum wichtig, damit sie bei der professionellen Recherche unkompliziert darauf zurückgreifen können. Aber natürlich würden wir uns freuen, wenn jeder Kunstinteressierte es für sich nutzt.

Pool ist tatsächlich etwas an den Social Media angelehnt, indem jede/r Besucher*in im Pool Bilder teilen kann. Die jeweils aktuellsten Bilder tauchen als unscharfen Hintergrund auch auf der Startseite auf, d.h. der Besucher gestaltet sogar ein bisschen Liste Expedition mit. Entscheidend für uns ist, dass Liste Expedition auch Spaß machen soll und als lebendige virtuelle Plattform verstanden wird.

Deswegen haben wir auch einer Gruppe von Künstler*innen für ein Jahr eine Carte Blanche gegeben auf Liste Showtime eine Ausstellungsseite zu bespielen. Das soll wie ein Projektraum in einer Institution funktionieren, und die Betreiber*innen können frei entscheiden, was sie dort machen und wen sie zeigen. »as we leave the window open« heißt das Projekt für das erste Jahr und wurde initiiert und wird kuratiert von Mohamed Almusibli, Gerome Gadient, Jazmina Figueroa, Tobias Koch und Hannah Weinberger. Mit einem wöchentlich fortlaufenden Programm von insgesamt 52 Beiträgen steht Sound als Medium zum Experimentieren und zur Übertragung im Mittelpunkt und ist auf den digitalen Raum zugeschnitten.

Welche weiteren Maßnahmen wird es geben, um auf das Forum aufmerksam zu machen und Besucher zu gewinnen?

JK: Das Schöne bei Liste Expedition ist, dass es permanent ist und nicht eine begrenzte Laufzeit hat. Es muss also nicht heute entdeckt werden, weil es morgen nicht mehr zu sehen ist, sondern kann sich über die Jahre etablieren. Wir sind aber trotzdem aktiv, wir versenden monatliche Newsletter, die auf den neuen »Monthly Pick« und die neuen Beiträge von »as we leave the window open« aufmerksam machen und integrieren es in die gesamte Kommunikation der Liste. Auf Instagram werden wir zum Beispiel in den nächsten Wochen immer wieder Künstler*innen des Artist Index vorstellen.

 

Vielen Dank für das Interview.Art.Salon

Deep dive:

Dive deeper into the art world

Zürich: Vontobel Contemporary Photography Prize »A New Gaze«

Der Vontobel Contemporary Photography Prize A New Gaze geht dieses Jahr an zwei Preisträger: Emidio Battipaglia aus Italien und Augustin Lignier aus Frankreich. Ihre Beiträge zum Thema Community sind ab dem 23. Mai in Zürich zu sehen.

23. May 2024
Halle (Saale), Galerie Erik Bausmann zeigt Claudia Berg

Ein anderer Blick auf Italien: die Künstlerin Claudia Berg untersucht in Landschafts- und Stadtansichten, was sich hinter dem offensichtlichen verbirgt. Am 23. Mai findet um 19 Uhr in der Galerie Erik Bausmann in Halle (Saale) die Vernissage zu ihrer Einzelausstellung Immer wieder Italien statt.

20. May 2024