Künstlerisches Forschungsprojekt »About a Moment« von Christiane Fleissner

Scheinbare Unendlichkeit im Augenblick

Seit 2019 verfolgt die Künstlerin Christiane Fleissner ihr künstlerisches Forschungsprojekt About a Moment. Ihre Wahrnehmung von Raum und Zeit bei Klettertouren in den Alpen bilden die Grundlage für ihre Collagen und fotografischen Skulpturen: sie stellen den linearen Zeitverlauf in Frage.

von Marius Damrow, 07. March 2024
Christiane Fleissner bei einer Klettertour
Von der Künstlerin zur Verfügung gestellt
Christiane Fleissner bei einer ihrer Klettertouren

An einem Seil am Abgrund zu hängen kann man ohne Untertreibung als Extremerfahrung bezeichnen. Trotz der Sicherung durch das Seil ist die Lebensgefahr spürbar, der »sichere Boden unter den Füßen« ist nur eine kleine Felsspalte, in die man die Schuhspitze geklemmt hat. Mit höchster Anspannung umklammern die Finger winzige Vorsprünge des kargen Felsens – ein Moment, in dem man das Gefühl hat, im »Hier und Jetzt« zu sein. Auch ohne Klettererfahrung kennt sicherlich jeder Augenblicke im Leben, die man anders wahrnimmt als die übrigen: Die Zeit scheint zu verfliegen, wenn man sich intensiv auf etwas konzentriert, oder still zu stehen, wenn man einzigartige Momente der Ruhe genießt. Die Künstlerin Christiane Fleissner begibt sich im Rahmen des Projekts About a Moment auf Klettertouren in den Alpen, um eindringliche Wahrnehmungen von Raum und Zeit zu erleben. Diese verarbeitet sie in Installationen und fotografischen Objekten.

Als Christiane Fleissner vor rund 15 Jahren mit dem Klettern anfing, kam ihr sofort die Idee, einige Aspekte davon künstlerisch umzusetzen. Die Mehrdimensionalität von Zeit, die sie zuvor in Kunstwerken untersuchte, wird für sie beim Klettern greifbar. Subjektive Zeitwahrnehmung unterscheidet sich – besonders im Zustand hoher Konzentration – von der objektiven. Sofern es eine objektive Zeit gibt. Das Konzept des linearen Zeitverlaufs erscheint uns im Alltag logisch, wo der ständige Blick auf die Uhr Orientierung verspricht. Doch Zeit ist abhängig von den Individuen, die sie erleben. Manchmal »vergeht der Tag schnell«, manchmal »quälend langsam«: das lineare Zeitbewusstsein ist abwesend. Die verschiedenen Zeitschichten und deren Überlagerungen abzubilden, ist Fleissners Anliegen. So entwickelte sich das Projekt About a Moment, für das Fleissner mit Extremkletterer und Mystiker Darshano L. Rieser mehrere Erstbegehungen im Zillergrund in Tirol unternahm. Die außergewöhnliche Klettersituation, noch dazu an Orten, wo wahrscheinlich nie ein Mensch zuvor war, intensiviert die Wahrnehmungen, die die Basis für Fleissners künstlerische Arbeiten sind.

Christiane Fliessner, Melodie des Augenblicks I, 2019
Von der Künstlerin zur Verfügung gestellt
Christiane Fleissner, Melodie des Augenblicks I, 2019, 60 x 80cm, Papier, Foto und Foliendrucke, Scotch Band, Zeichnung

Die mehrstündigen, nicht ungefährlichen Klettertouren verlangen hohe Konzentration, wodurch die Wahrnehmung von Raum und Zeit immer präziser und vielschichtiger wird. Als befände man sich in einer anderen, eigenen Realität. Nach den Touren dienen die Sinneseindrücke und aufgenommenes Fotomaterial Fleissner als Grundlage für Collagen, installative Arbeiten und fotografische Skulpturen, die diese Vielschichtigkeit verdeutlichen. Sie setzt sich mit den Theorien des Philosophen Edmund Husserl auseinander, der die Symbiose von Zeit und dem Bewusstsein eines Individuums beschrieb. In der Collage Melodie des Augenblicks I stellt sie nach Husserls Theorien das Verhältnis von erlebten Momenten und wie sie beim Erleben neuer Momente mittransportiert werden, noch bevor sie als Erinnerung abgespeichert sind. Sie hallen nach. Diese Überlappungen von Zeitschichten verursache für den Menschen die Illusion eines kontinuierlichen Zeitflusses.

Durch das Forschungsprojekt bildeten sich neue Facetten in den Arbeiten aus, die nun von Fleissners »eigenem Weg« geprägt sind, den sie durch die Felslandschaft gegangen ist. Wie unter einer Lupe konnte sie die intensive Bewegung durch den Raum verfolgen und sich durch die reduzierte Landschaft ihrer eigenen Wahrnehmung bewusster werden, erläutert sie. Fleissner, die am Künstlerprogramm des Art.Salon teilnimmt, vergleicht About a Moment mit der Arbeit im Labor, wodurch sich die daraus entstandenen Werke von früheren, theoretisch geprägten Collagen unterscheiden. Das im Jahr 2019 begonnene Künstlerische Forschungsprojekt läuft noch, für 2024 sind weitere Touren geplant. Nach Abschluss soll das Projekt voraussichtlich aus etwa 15 Werken bestehen, von denen circa 10 bereits existieren.Art.Salon

Christiane Fleissner, Raumland, 2020
Von der Künstlerin zur Verfügung gestellt
Christiane Fleissner, Raumland, 2020 vierschichtige Wandskulptur, bestehend aus 2 hintereinander montierten Acrylglasscheiben mit transparentem Fotodruck versehen, Foto und Foliendruckelemente, Kupferfarbe; 200 x 130cm x 4cm
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